TV-Tipp: "Käthe und ich: Der kleine Ritter"

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19. Januar, ARD, 20:15 Uhr
TV-Tipp: "Käthe und ich: Der kleine Ritter"
"Parentifizierung" klingt kompliziert, ist aber als psychologisches Phänomen leicht zu erklären. Der Begriff bezeichnet einen Rollentausch zwischen Kindern und Eltern, und darum geht es in der sehenswerten neunten Episode der ohnehin stets vorzüglichen ARD-Reihe "Käthe und ich" mit Christoph Schechinger als Psychologe Paul Winter und dessen Therapiehund.

Die Handlung beginnt mit einem Hilferuf: Schulleiterin Madaki (Thelma Buabeng) macht sich Sorgen, weil die Mutter des zwölfjährigen Faris Salem (Giorgio Valero) trotz mehrmaliger Bitte nicht zurückruft. Dank Käthe fasst Faris schließlich Vertrauen zu Winter und lässt ihn in die Wohnung, die sich in einem chaotischen Zustand befindet: Minou Salem (Oona Devi Liebich) hat sich eine Auszeit genommen, um sich auf ihre Fernuni-Prüfung als Tierpsychologin vorzubereiten. 

Aber würde eine allem Anschein nach verantwortungsbewusste Mutter, die seit dem Tod ihres Mannes vor einem Jahr gleich mehrere Jobs hat, um Faris und sich über die Runden zu bringen, ihren Sohn tatsächlich mehrere Tage lang sich selbst überlassen? Winter wendet sich an den befreundeten Polizisten Denniz (Aykut Kayacik). Der erkennt Gefahr im Verzug und knackt das Türschloss. Unter Faris' Matratze finden sie nicht nur das Minous vermeintlich verloren gegangenes Telefon, sondern auch mehrere Briefe. Angesichts einer möglichen Gefährdung des Kindeswohls muss Denniz das Jugendamt informieren.

Obwohl sich rausstellt, dass die Mutter den Jungen keineswegs vernachlässigt hat, weil sie ihn in einem Camp für begabte Schüler wähnte, will die zuständige Sachbearbeiterin hart durchgreifen: Faris soll in eine Pflegefamilie. Winters subtile Drohung, das Familiengericht einzuschalten, kontert Gudrun Tönnissen (Saskia Vester) kühl mit dem Hinweis, die Gerichte würden in der Regel auf die Empfehlung der Jugendämter hören. Aus Sicht der Beamtin hat Minou ihre Aufsichtspflicht verletzt, sie plädiert daher für ein Kontaktverbot. Der Richter hält zudem die Wohnungssituation für bedenklich: Weil Faris' Mutter nicht auf die Post des Vermieters reagieren konnte, hat er einen Räumungstitel erwirkt; Mutter und Sohn sind nun obdachlos.

"Der kleine Ritter" hat Reihenschöpferin und Produzentin Brigitte Müller, die bislang alle Drehbücher geschrieben hat und diesmal gemeinsam mit Oliver Liliensiek erstmals auch als Regisseurin fungiert, diesen Film genannt. Der Bezug wird klar, als sich rausstellt, was Faris in seinem Beschützerinstinkt alles getan hat, um seine Mutter vor den Bedrohungen von außen zu bewahren. Die in der Post des Vermieters angekündigte Mieterhöhung hätte zur Folge gehabt, dass sich die gelernte Tierarzthelferin das Fernstudium nicht mehr leisten kann und ihren Traum von der Tierpsychologin begraben muss.

Das Drama geht zu Herzen, zumal das Verhalten der Personen jederzeit nachvollziehbar ist; das gilt sogar für Gudrun Tönnissen, die sich als einstige Mitschülerin von Winters Mutter entpuppt und schon damals, wie Helga Winter (Hildegard Schroedter) versichert, zum Lachen in den Keller gegangen sei. Natürlich ist die Frau vom Jugendamt die Antagonistin der Geschichte, aber Saskia Vester versieht sie mit einem Trauerflor, der erahnen lässt, dass auch sie ihr Päckchen zu tragen hat. 

Tatsächlich offenbart die Beamtin schließlich, wieso sie fast ihr ganzes Leben lang verschlossen war, weshalb sie sich gut in Faris hineinversetzen kann und warum es ihr so wichtig ist, dass er wieder Kind sein darf. Darauf läuft auch Winters Epilog hinaus: Es lasse sich Vieles nachholen, aber nicht die Kindheit. "Was vergangen ist, ist vergangen", zitiert der Psychologe Antoine de Saint-Exupéry, den Autor des "Kleinen Prinzen": "Du weißt nicht, was die Zukunft dir bringen mag. Aber das Hier und Jetzt, das gehört dir."

Die Idee, Helga Winter quasi als Urlaubsvertretung für Pauls Mitbewohnerin Jule in den Gutshof einziehen zu lassen, sorgt für einige kleine Mutter/Sohn-typische Heiterkeiten und ist auf jeden Fall stimmiger und sinnvoller als ein völlig überflüssiger Nebenstrang mit Jules homosexuellem Praxiskollegen Eric (Ulrich Brandhoff), der zum Ziel eines von Praxishilfe Jasmina (Anna Hausburg) eingefädelten romantischen Komplotts wird. Die Inszenierung ist dagegen gerade im Vergleich zum Niveau der interessanten Geschichte sowie der ausnahmslos guten darstellerischen Leistungen eher unauffällig. Immerhin hat Müller dafür gesorgt, dass die Mecklenburgische Seenplatte rund um Waren an der Müritz dank vieler Kameraflüge angemessen zur Geltung kommt. 

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