"Autisten sind sehr akribisch"

IT-Firmen suchen Autisten

Foto: dpa/Daniel Reinhardt

Im IT-Bereich können Autisten gut beschäftigt werden, weil sie akribisch und detailgenau arbeiten.

"Autisten sind sehr akribisch"
Der Autismus-Verband Deutschland begrüßt die Pläne des Software-Konzerns SAP, in den kommenden Jahren mehrere hundert Autisten zu Software-Testern und Programmierern ausbilden zu lassen. "Wir freuen uns über diese Ankündigung", sagte Friedrich Nolte vom Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus, in Hamburg am Mittwoch dem Evangelischen Pressedienst (epd).
22.05.2013
epd
Ralf Schick

Herr Nolte, SAP hat angekündigt, bis 2020 ein Prozent der insgesamt 65.000 Arbeitsplätze mit Autisten zu besetzen. Was sind die Stärken von Menschen mit Autismus vor allem im IT-Bereich?

Nolte: Die Stärken von Menschen mit Autismus liegen vor allem darin, dass sie auf eine besondere Art logisch denken können. Autisten haben ein sehr gutes Gedächtnis, sind sehr akribisch und verfügen über eine große Detailgenauigkeit. Sie können sehr gut in konkreten Arbeitsabläufen, wie etwa der Qualitätskontrolle, eingesetzt werden. Das ist eigentlich ideal für den IT-Bereich, in dem Menschen mit Autismus deshalb auch gerne beschäftigt werden.

SAP hat angekündigt, Mitarbeiter entsprechend auszubilden für die Zusammenarbeit mit Autisten. Was müssen die Mitarbeiter berücksichtigen?

Nolte: Die Mitarbeiter müssen wissen, dass eine spontane Kommunikation nur eingeschränkt möglich ist. Autisten haben Schwierigkeiten bei der Wahrnehmung und können sich auch sehr schnell überfordert fühlen. Da heißt es konkret, jeglichen Stress zu vermeiden, der etwa durch Termindruck entsteht. Das könnte schnell zu einer Belastung werden. Sicherlich können auch nicht alle Autisten einen ganz normalen Arbeitsalltag mit acht Stunden oder mehr bewältigen, da sind kürzere und individuelle Arbeitszeiten gefragt.

Autisten brauchen bestimmte äußerliche Rahmenbedingungen, ein Großraumbüro ist sicherlich nicht ideal. Auch ist es sinnvoll, wenn die Arbeitsräume schallisoliert sind und nicht zu hell. Nicht alle Autisten reagieren gleich, manche leiden an Begleitstörungen wie Ängste, Depressionen oder Zwänge, da muss individuell reagiert werden. Autisten brauchen sehr viel Ruhe und wenig Ablenkung. Wichtig ist auch, dass sie gut in die Arbeit eingeführt werden und dass sowohl Mitarbeiter wie Vorgesetzte wissen, was Autismus eigentlich ist. Es braucht also eine gewisse Sensibilität im Umgang mit ihnen.

In welchen Arbeitsbereichen können Menschen mit Autismus eingesetzt werden?

Nolte: Eigentlich in allen Bereichen, wo es konkrete Arbeitsabläufe gibt wie in der Qualitätskontrolle. Menschen mit Autismus könnten auch als Greenkeeper im Fußballstadion oder auf dem Golfplatz arbeiten, in Gärtnereien, Archiven oder in Bibliotheken.


 

Der Bundesverband Autismus in Deutschland schätzt die Zahl der an Autismus erkrankten Menschen auf ein Prozent der Bevölkerung. Bei Autismus handelt es sich um eine Entwicklungs- und Informationsverarbeitungsstörung. Man unterscheidet dabei zwischen frühkindlichem Autismus, der in den ersten drei Lebensjahren beginnt und häufig mit geistiger Behinderung und verminderter Intelligenz einhergeht, und dem Asperger-Syndrom. Dieses Syndrom unterscheidet sich vom frühkindlichen Autismus in erster Linie dadurch, dass oft kein Entwicklungsrückstand in der Sprache und keine verminderte Intelligenz vorhanden sind. Beiden Ausprägungen gemeinsam ist eine Störung des Sozialverhaltens, der Kommunikation und der Wahrnehmung. Jede Veränderung ihrer Umwelt wühlt Autisten stark auf. Am liebsten kapseln sie sich ab und ziehen sich in sich selbst zurück - daher auch die Bezeichnung "Autismus", die sich vom griechischen Wort für "selbst" ableitet. Die Intelligenz von Autisten reicht von geistiger Behinderung über normale Intelligenz bis hin zu einem außerordentlich hohen IQ.