Gütersloh, Berlin (epd). Der Lehrkräftemangel an Grundschulen in Deutschland könnte nach einer Prognose der Bertelsmann Stiftung in den nächsten Jahren deutlich entschärft werden. Schon ab Mitte des Jahrzehnts gebe es voraussichtlich mehr ausgebildete Lehrkräfte im Grundschulbereich als zu besetzende Stellen, erklärte die Bertelsmann Stiftung am Donnerstag in Gütersloh bei der Veröffentlichung ihrer Prognose. Ursache seien die seit 2022 wieder zurückgehenden Geburtenzahlen. Lehrerverbände bezweifelten hingegen, dass es bald zu einer Trendumkehr komme.
Der Untersuchung zufolge würden zwischen 2023 und 2035 rund 96.000 fertig ausgebildete Pädagogen für das Lehramt an Grundschulen zur Verfügung stehen. Der Bedarf an Neueinstellungen werde im selben Zeitraum voraussichtlich nur etwas mehr als 50.000 Menschen umfassen, ermittelten der Bildungsforscher Klaus Klemm und der Bildungsexperte der Bertelsmann Stiftung, Dirk Zorn. Der Überschuss von Absolventen für das Lehramt in der Primarstufe liege mit 45.800 Lehrerinnen und Lehrern deutlich höher als in der Prognose der Kultusministerkonferenz vom vergangenen Monat mit nur 6.300 überzähligen Lehrkräften bis 2035.
Verantwortlich für diese Abweichung sei die "Trendwende" in der demografischen Entwicklung, erläuterten die Autoren der Studie. Während 2021 in Deutschland noch rund 795.000 Kinder geboren wurden, waren es im Folgejahr rund 739.000. Im Jahr 2023 seien es hochgerechnet lediglich 689.000 Kinder. Auch für die nächsten Jahre gehen Klemm und Zorn von geringeren Geburtenzahlen aus.
Die Schulpolitik sei angesichts des erwarteten Überschusses an Grundschullehrerinnen und -lehrern herausgefordert, den Absolventen verlässliche Perspektiven zu bieten, hieß es. Es bestehe eine große Chance, mit den zusätzlichen Kräften in die pädagogische Qualität an den Grundschulen zu investieren, erklärte der Erziehungswissenschaftler Klemm. Die Autoren schlagen unter anderem vor, die Pädagogen in dem geplanten "Startchancen"-Programm für Schulen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Kinder einzusetzen. Auch könnten sie im Grundschul-Ganztag oder mit einer Zusatz-Qualifikation in den Klassen fünf und sechs arbeiten.
Die bevorstehende Überwindung des Lehrermangels in der Grundschule sei "eindeutig ein Lichtblick" für das deutsche Bildungssystem, sagte der Bertelsmann-Experte Zorn. In anderen Schulstufen - vor allem in den nicht-gymnasialen weiterführenden Schulen - sowie in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) würden jedoch auf absehbare Zeit viele Lehrkräfte fehlen.
Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) äußerte sich skeptisch über die veröffentlichten Schätzungen. Die Bedarfszahlen seien am Status quo orientiert, erklärte der Bundesvorsitzende Gerhard Brand. Die Prognosen müssten sich an den tatsächlichen Aufgaben, die an die Schule herangetragen würden, orientieren. "Inklusion, Ganztag und die zunehmende Heterogenität stellen Anforderungen an Lehrkräfte, die nicht allein zu stemmen sind", betonte Brand. Zudem seien die Lerngruppengrößen vielerorts stetig hochgesetzt worden. Hier wäre eine Verkleinerung dringend angeraten.