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Pastorin Nina Schumann leitet einen Yoga-Kurs in ihrer Kirche und erklärt, dass Yoga nicht an eine spezielle Religion gebunden ist.
Wenn dienstagabends in der evangelischen Apostelkirche in Eimsbüttel die Matten ausgerollt werden, heißt es "Namasté" und "Amen". Es ist Zeit für eine Stunde Yoga mit Pastorin Nina Schumann. Sie beginnt die Stunde mit einer Meditation im Sitzen und einem Gebet. "Christliches Yoga" nennt sie diese Form von Spiritualität: "Yoga an sich ist nicht an eine bestimmte Religion gebunden." Obwohl in der indischen Kultur entstanden, sind "die Ausrichtung und diese Tradition des Yogasutra von Patanjali universell gedacht", erklärt sie.
Der Kirchraum und das große Fenster, durch das die Teilnehmenden in den Himmel schauen können, machen etwas mit den Menschen. Ruhe kehrt ein. Schumann findet, dass ein solches Angebot gut in die Kirche passt. "Viele sagen, sie sind einfach von der Atmosphäre dieses Raums berührt, ohne dass da schon etwas stattgefunden hat." Auch der Anblick des schlichten, schwebenden Kreuzes über dem Altar bringe die Menschen in eine Verbindung zum Transzendenten. Teilnehmerin Kerstin Stolze ergänzt: "Von der Architektur her hat mich das hier sehr angesprochen, es ist eine Mischung aus Altem und Modernem."
Außerdem melden Teilnehmende der Pastorin zurück, dass die Yogapraxis gerade im Kirchraum sie noch einmal anders, tiefer berühre. Seit 25 Jahren betreibt Schumann selbst Yoga. Diese Form der Spiritualität und die Verbindung zu ihrem Beruf als Pastorin sieht sie als Bereicherung. "Viele Formen unserer kirchlichen Angebote fokussieren sehr stark den Kopf." Doch der Mensch ist nicht nur Geistwesen, bemerkt sie und empfindet es als wunderbar, "dass wir den Leib als Schöpfungsgeschenk mit hineinnehmen und auf diese Weise ganzheitlicher in Religion und Spiritualität eintauchen können."
Einmal anders in Kontakt zum Göttlichen treten
Im Vordergrund der Yogastunde in der Apostelkirche steht nicht die sportliche Höchstleistung, auch wenn nach einer Stunde fast jeder Muskel des Körpers beansprucht wurde und sich eine angenehme Erschöpfung breit macht. Für Schumann bedeutet Yoga vor allem Meditation und zur Ruhe kommen. Als Pastorin geht es ihr auch um Glaubenspraxis: "Unser Körper ist einfach ein tolles Instrument, um zu beten und noch mal ganz anders in Kontakt zum Göttlichen zu treten." Daher beginnt und schließt sie die Stunde mit Gebet und Segen: "Lass Veränderung kommen und gehen und halte mich bei mir in meiner Mitte", so geht zu Gott Beten beim Yoga.
Doch nicht nur das Beten, die Meditation und Yogapraxis berühren die Teilnehmenden. Jaga Krupa aus Eimsbüttel kommt seit zwei Jahren regelmäßig. Für sie bedeutet der Dienstagabendtermin nicht nur Abschalten vom Alltag: "Für mich ist Yoga hier ein Verbindungselement mit den anderen Menschen. Dieser wunderbare Raum ist jetzt mein Wohnzimmer geworden", sagt sie lachend.
Gerade weil die Atmosphäre heimelig ist, bleiben die Teilnehmenden im Anschluss gerne zu Wein, Snacks und Gesprächen. Die Yogastunde vorher öffne sie dafür, meint Nina Schumann: "Alle sind miteinander so ein bisschen erschöpft und dann sind Begegnungen und Gespräche in so einer Leichtigkeit möglich, die auch tiefe Themen berührt." Das Geräusch der Klangschale holt die Teilnehmenden nach einer kurzen Schluss-Meditation zurück, lässt sie wieder ankommen im lichtdurchfluteten Kirchraum.
YOGA
Yoga gehört zu den klassischen sechs Schulen der indischen Philosophie. Die Bezeichnung kommt aus dem Sanskrit und bedeutet wörtlich übersetzt "zusammenbinden" oder "anspannen". Zu dieser Lehre gehören geistliche und körperliche Übungen (sog. "Asanas"). Ziel ist es, durch Anspannen des Körpers und Konzentration mit dem Bewusstsein eins zu werden und den Weg zur Selbsterkenntnis zu finden. In der Kolonialzeit wurde die Yoga-Philosophie unterdrückt. Dennoch sind erstmals europäische Gelehrte auf die Kultur aufmerksam geworden.
1893 sprach der indische Gelehrte Swami Vivekananda erstmals vor dem Weltparlament der Religionen in Chicago von Yoga als Geisteswissenschaft. In den 1960er Jahren wurde das Interesse, ausgelöst durch die Hare-Krishna-Bewegung, in der damaligen Studierendenszene geweckt. Den Durchbruch erlangte Yoga in den 1980er Jahren, Studios entstanden und auch unter Prominenten wurde Yoga als Fitness-Work-Out beliebt und salonfähig.
NAMASTÉ
Der Begriff stammt aus dem Sanskrit und bedeutet wörtlich übersetzt in etwa "Ich verbeuge mich vor dir". Er ist ein Ausdruck des tiefen Respekts, der auch als Begrüßungsformel verwendet wird. Er ist verbunden mit einer leichten Verbeugung, der Kopf wird gesenkt, die Hände auf Höhe des Herzens gefaltet. Beim Yoga wird "Namasté" anfangs als Begrüßung verwendet, um das Herz, den Körper und den Geist für das Gute zu öffnen. Der Sanskrit-Gruß bezieht sich nicht auf die äußere göttliche Instanz, sondern auf den göttlichen Funken in einem selbst und im Gegenüber.