© Rolf Zoellner
Zahlreiche Menschen haben am Karsamstag in Berlin auf zwei konkurrierenden Ostermärschen für den Frieden demonstriert.
Außerdem stand die Kritik an der geplanten massiven Aufrüstung der Bundeswehr im Fokus. "Unsere Forderungen nach Frieden und Abrüstung sind aktueller denn je, auch mit Blick auf die Gefahr einer möglichen nuklearen Eskalation", erklärte Kristian Golla vom Netzwerk Friedenskooperative in Bonn, das die regional verantworteten bundesweiten Aktionen koordiniert.
Golla zeigte sich zufrieden mit den bisherigen Ostermarsch-Veranstaltungen, die am Donnerstag begonnen hatten. Am Freitag hätten die Teilnehmerzahlen etwa auf dem Niveau der Vorjahre gelegen, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Karsamstag sei einer der Hauptaktionstage mit Kundgebungen unter anderem in München, Hannover, Stuttgart, Berlin, Saarbrücken, Leipzig und Bonn. In Duisburg begann am Vormittag der Ostermarsch Rhein-Ruhr, der bis Ostermontag über Köln, Düsseldorf, Essen, Gelsenkirchen und Bochum nach Dortmund führt. Er steht unter dem Motto "Eskalationsspirale durchbrechen - Atom- und Hochrüstung stoppen - Klima schützen!"
Zum traditionellen Ostermarsch der Friedenskoordination für eine "neue Sicherheitsarchitektur von Lissabon bis Wladiwostok" in Berlin versammelten sich nach Polizeiangaben rund 1.300 Teilnehmer. Kritiker hatten vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine zu einem alternativen Ostermarsch aufgerufen, der sich explizit gegen russische Angriffskriege richtete und das Selbstverteidigungsrecht der Ukraine betonte. Dazu kamen laut Polizei rund 500 Menschen zusammen.
Der Krieg in der Ukraine müsse beendet werden, hieß es im Ostermarsch-Aufruf der Friedenskoordination. Dazu müssten Russland und die Ukraine Verhandlungen mit Kompromissbereitschaft von beiden Seiten führen. Diese Position erwähne die russische Aggression und das Recht der Ukraine auf Selbstverteidigung mit keinem Wort, hieß es dazu im Aufruf der Allianz Ukrainischer Organisationen und der Initiative "Adopt a Revolution" zum alternativen Ostermarsch. Die größte Gefahr für den Frieden gehe von Diktatoren und Autokraten aus.
"Konsequente Sanktionen sind effektive Friedenspolitik", hieß es weiter beim alternativen Ostermarsch. Auch russische Bombardierungen in Nordsyrien müssten gestoppt werden. Die Friedenskoordination betonte bei ihrem Ostermarsch hingegen, Deutschland werde durch Waffenlieferungen zur Kriegspartei. Zusätzliche Militärausgaben der Bundesrepublik dürften nicht zugelassen werden. Waffenlieferungen an die Ukraine und Sanktionen gegen Russland seien keine Lösung.
Eberhard Przyrembel vom Ostermarsch Rhein-Ruhr sagte in Duisburg mit Blick auf die Ukraine, der "skandalöse und einmalig grausame Krieg" Russlands offenbare auch politisches Versagen in Deutschland, "denn 18 Jahre lang haben alle Bundesregierungen dieselbe 'wehrhafte' Friedenspolitik mit der Rüstungsindustrie betrieben". Die jetzt angekündigte massive Erhöhung der Rüstungsausgaben sei "keine Zeitenwende, sondern die hoffnungslose Fortsetzung immer desselben".
Waltraud Andruet vom Friedensnetz Saar verurteilte in Saarbrücken den "völkerrechtswidrigen brutalen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine" und zeigte sich besorgt über die Drohungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit dem Einsatz von Atomwaffen. Sie wies darauf hin, dass jede Friedensbewegung nicht nur aktuelle Kriege im Blick habe. Sondern ihr Ziel sei "die dauerhafte Ächtung von Krieg und Gewalt, von Waffen und permanenter Aufrüstung weltweit".
Die Ostermärsche der deutschen Friedensbewegung, die am Karsamstag mit fast 80 Kundgebungen ihren diesjährigen Höhepunkt erreichten, haben eine mehr als 60-jährige Tradition. Inspiriert wurden die ersten Aktionen von britischen Friedensaktivisten, die an Ostern 1958 einen dreitägigen Protestmarsch zum Atomwaffen-Forschungszentrum Aldermaston organisierten. An den Ostertagen im April 1960 demonstrierten dann am Truppenübungsplatz im niedersächsischen Bergen-Hohne mehr als tausend Pazifisten gegen Atomwaffen - der erste Ostermarsch für Frieden und Abrüstung in Deutschland.
Die Bewegung wuchs rasch: 1961 waren es bundesweit vier und 1964 bereits 20 Ostermärsche. Nach einer längeren Pause in den 70er Jahren erhielt die Ostermarschbewegung zu Beginn der 80er Jahre mit den Protesten gegen die Stationierung atomarer Mittelstreckenwaffen neuen Auftrieb. Damals kamen Hunderttausende zu den Kundgebungen. Danach wurden die Ostermärsche zwar kleiner, sie erlebten aber etwa während der Kriege etwa im ehemaligen Jugoslawien und am Golf zwischenzeitlich stärkeren Zulauf und sind bis heute identitätsstiftend für die Friedensbewegung.
In den Jahren vor der Corona-Pandemie beteiligten sich regelmäßig mehrere tausend Menschen an den Osteraktionen, die von Mahnwachen, Demonstrationen und Blockadeaktionen über Fahrradtouren und Wanderungen bis zu Friedensgebeten und Friedensfesten reichen. Im Jahr 2020 waren die Kundgebungen pandemiebedingt nur online möglich. Im vergangenen Jahr gab es dann wieder rund hundert öffentliche Ostermarsch-Aktionen.
Thematischer Ausgangspunkt der ersten Ostermarschierer war die Forderung nach einer atomwaffenfreien Welt. Hauptthemen sind weiterhin Kriege und Konflikte sowie Waffenexporte, Auslandseinsätze der Bundeswehr und die Risiken der Atomkraft.
Immer wieder wurden aber auch neue Themen aufgegriffen, zuletzt etwa die Klimaschutzbewegung. In diesem Jahr stehen Proteste gegen den russischen Angriffskrieg in der Ukraine im Mittelpunkt. Kritisiert werden auch eine neue Aufrüstung, Waffenlieferungen und das geplante Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr. Im Ukraine-Konflikt könne es nur eine Verhandlungslösung geben, eine weitere Eskalation müsse vermieden werden.