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Thies Gundlach
"Der Druck für Reformen nimmt zu. Wir müssen uns umbauen", sagte der theologische Vizepräsident des Kirchenamts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Thies Gundlach, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das evangelische Kirchenparlament will im November auf seiner Jahrestagung über strukturelle Veränderungen beraten.
In den vergangenen Jahren sei trotz des Mitgliederschwunds wegen der guten wirtschaftlichen Entwicklung viel Geld in den kirchlichen Haushalten vorhanden gewesen, sagte Gundlach. Doch das ändere sich jetzt dauerhaft. Denn laut einer Prognose der Universität Freiburg aus dem Jahr 2019 könnte sich die Zahl der Kirchenmitglieder von derzeit knapp 20,7 Millionen halbieren und damit ebenso die Finanzkraft. Durch die Corona-Pandemie stehen die Kirchen schon in diesem Jahr vor erheblichen Verlusten bei den Kirchensteuereinnahmen. Schätzungen zufolge könnte der Verlust mindestens zehn Prozent ausmachen.
Gundlach sagte, dass die Feier des Reformationsjubiläums 2017 den 2006 begonnen Reformprozess etwas gebremst hätte. "Das Jubiläum war großartig, hat uns aber auch von der Reformaufgabe abgelenkt." Im Juni 2006 hatte die EKD damals noch unter ihrem Vorsitzenden Wolfgang Huber das Impulspapier "Kirche der Freiheit" veröffentlicht, das konkrete Zielvorgaben etwa für die Steigerung der Gottesdienstbesuche oder Taufen enthielt. Im Juni 2020 hatte die EKD elf Leitsätze veröffentlicht, die die Synode, das höchste Gremium der EKD, im November auf ihrer Tagung diskutieren soll.
Gundlach verspricht sich von den Leitsätzen, zu denen bis November noch ein zwölfter hinzukommt, eine deutliche Veränderung. "Das Verfahren ist anders", betonte er. Damals sei das Reformprojekt als "Top-Down-Prozess" wahrgenommen worden. Die Diskussion über die Leitsätze sei inklusiv angelegt. Man setze auf eine breite Debatte und intensiven Austausch. Der Text sei in seiner ersten Fassung "ergänzungsfähig und korrekturbedürftig" gewesen. Es sei wichtig, dass sich viele Menschen, Gremien und auch die Öffentlichkeit an der Diskussion beteiligten.
"In der Analyse der Herausforderungen ist 'Kirche der Freiheit' noch nicht überholt. Deswegen gibt es heute auch viele Parallelen", sagte Gundlach. "Aber durch das neue Verfahren kommen wir dichter an die Steuerungsinstrumente heran." In der evangelischen Kirche könne man Reformen nicht zentral beschließen und dann bis in die letzte Gemeinde umsetzen. Die Kirche sei von unten nach oben aufgebaut. Jede Gemeinde könne selbst entscheiden, was sie theologisch vertreten könne. "Die Instrumente der gemeinsamen Steuerung sind eher schwach ausgeprägt", sagte Gundlach. "Deswegen müssen wir überzeugen und können Impulse geben. Am Ende brauchen wir den Konsens und die Mitverantwortung aller Beteiligten."
Kirchenmitglieder und Kirchenfinanzen
Der Blick in die Vergangenheit zeigt: Der Mitgliederschwund bei Protestanten und Katholiken in Deutschland ist seit Jahren Realität. Im Jahr 2007 gab es insgesamt 50,3 Millionen Christinnen und Christen, die Mitglied in der evangelischen oder katholischen Kirche waren. Das waren damals 61,2 Prozent der gesamten deutschen Bevölkerung.
Im Jahr 2019 sah das deutlich anders aus. Zwar gehört immer noch eine knappe Mehrheit der Deutschen der evangelischen oder katholischen Kirche an, doch sank der Anteil auf rund 52 Prozent. 43,3 Millionen Menschen waren Mitglied einer der beiden Kirchen, wie die im Juni 2020 veröffentlichten statistischen Zahlen der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zeigen. Bis 2060 könnte sich die Zahl der Kirchenmitglieder in Deutschland laut einer Prognose von Freiburger Finanzwissenschaftlern aus dem vergangenen Jahr halbieren.
Der Mitgliederschwund hat sich bislang nicht finanziell ausgewirkt. Im Gegenteil: Im Vergleich zu 2007 ist das Kirchensteueraufkommen sogar gestiegen. 2007 erhielt die EKD Kirchensteuern in Höhe von etwa 4,2 Milliarden Euro. 2019 waren es etwa 5,9 Milliarden Euro. Die Deutsche Bischofskonferenz, der Zusammenschluss aus 27 katholischen Bistümern in Deutschland, erhielt 2007 rund 4,7 Milliarden Euro Kirchensteuer, 2019 waren es 6,8 Milliarden Euro.
Seit 2010 sind die Einnahmen aus der Kirchensteuer bei beiden Kirchen kontinuierlich gestiegen. Der Grund dafür liegt laut dem Forschungszentrum Generationenverträge (FZG) der Freiburger Universität zum einen in der bis zur Corona-Krise guten Wirtschaftskonjunktur. Zum anderen befinde sich die Generation der "Babyboomer" derzeit lebensbiografisch in der Phase der höchsten Steuerzahlungen. Absehbar ist jedoch laut den Wissenschaftlern, dass diese Gruppe ab 2035 verrentet sein und der finanzielle Ausfall nicht ausreichend durch die nachfolgenden Generationen ausgeglichen wird. Bis 2060 erwarten die Wissenschaftler, dass sich die Finanzkraft der Kirchensteuereinnahmen in etwa halbiert.
Der positive Trend des letzten Jahrzehnts wird zudem in diesem Jahr unterbrochen. Denn durch die Corona-Krise erwarten die Kirchen erhebliche Einbußen bei den Kirchensteuereinnahmen, die an die Lohn- und Einkommenssteuer gekoppelt sind. Der Verlust könnte nach Schätzung der EKD zwischen zehn und 25 Prozent ausmachen. Zwar können die meisten Landeskirchen diese Verluste durch Rücklagen ausgleichen, doch langfristig müssen die Ausgaben angepasst werden.